Renier-Frèduman Mundil, GeGlichenes Band 4, Kurzgeschichten
1. Auszug 03.07.2026 (Geschichte 13, S. 106-108)
Seit über einer halben Stunde fluteten die Tonmassen durch den Konzertsaal. Unentwegt rollten die Wellen der Streicherbögen durch den Raum, entzündeten Querflöten eine glitzernde, sprühende Wolke aus hellen Tonlichtern. Bevor aus dem stetigen Auf und Ab der Streicherwellen ermüdende Gleichförmigkeit wurde, brachen in unregelmäßigen Abständen gewaltige Kaskaden aus den Posaunen, ihr dunkler Schalltrichter glich dem aufgerissenen Maul eines gierigen Raubfisches.
An wenigen Stellen schien die Musik einzuschlafen, lediglich einzelne Streicher-pizzicati spielten kurze Töne, die im nächsten Augenblick stumm in der Dunkelheit der Halle verschwunden waren. Leise Trommeln murmelten, ein schlafender Bach zeitlupte sich fast regungslos durch eine verlorene Landschaft, kurzes Aufatmen, vom Fagott und Oboe grummelten seltsame Geräusche in den Raum, unsichtbaren Tierkehlen entstammend.
Das war seit dreißig Minuten, es zählte nicht mehr, längst steigerte sich das dunkle Murmeln der Trommeln stetig in beängstigende, zunehmend aggressive laute Schläge. Die fremden Fagotte- und Oboenklänge wandelten sich mit jeder Sekunde in schmerzverzerrte, schreiende Schlunde, losgerissen aus den Leibern ihrer Körper, die in wirren Zuckungen durch die dunklen Tonwolken mal stolperten, mal rasten. Das trotz zunehmender Wildheit noch immer perfekte simultane Auf und Ab der Streicherbögen wurde zu einer gewaltigen Tsunamifront, sich drohend auftürmend vor dem Graben, der sie vor den regungslos starrenden Zuschauermassen trennte.
Tiefes Grollen entwich den Posaunen, die Trompeten zerschmetterten die verbliebenen stillen Inseln über den Köpfen der Musiker. Inzwischen schlugen acht Hände unablässig wilder auf Trommeln und Pauken ein. Das unkontrollierte Tongebilde waberte am Rand einer unsichtbaren Mauer, die es von den entsetzt blickenden Zuhörern trennte, in jedem Moment bereit, alles niederzubrechen, mit sich fortzureißen.
Er saß noch ruhig auf seinem Platz. Seit über 30 Jahren. Nicht nur bei diesem Stück. Bei vielen. Besonders aber bei diesem. Kaum eines besaß dieses irre furiose Finale, in dem sich sämtliche Katastrophen, die über diese Welt gegangen waren, ein letztes Mal für die erwartete Endkatastrophenapokalypse zusammengetan, zusammengeballt hatten. Seine Augen fixierten die Schlagzeuger. In nicht mehr messbaren Schwingungswirbeln droschen sie auf die toten Tierhäute ein.
Neben ihnen entdeckte er seine beiden eigentlichen Ziele. Ein schwarzgekleideter Frack, der zwei bronzene Becken umklammerte und gegen die darauf lastenden Tonwolken in die Höhe drückte. Daneben ein weiterer schwarzer Frack, einen Hammer in der Hand, den Arm bereits weit abgespreizt, um in der allerletzten Sekunde das Gerät auf den Gong zu schmettern, mit diesem einzigen Schlag dieser irren Welt ein endgültiges unwiderlegbares Ende zu bereiten. Usw…..
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